Sumo ist eine Art Ringkampf und gilt in Japan als heiliger Sport („sacred“). Das Spektakel findet in Tokyo nur zweimal im Jahr statt, erstreckt sich dann aber über 15 Turniertage. In Tokyo steht eine eigens dafür errichtete Sumo Arena, die Ryōgoku Kokugikan heißt. Die 13.000 Sitzplätzen sind bereits Wochen vor Turnierbeginn ausverkauft. Eintrittskarten sind vor allem kurzfristig sehr schwer zu bekommen.
Einzige legale Möglichkeit: am Morgen des Wettkampftages werden ab 8.00 Uhr ca. 300 Karten verkauft. Diese Karten sind nicht reservierbar, dh man muss sich wiederum rechtzeitig anstellen und Geduld und Kälteresistenz beweisen. Uns wurde geraten ab 6.00 Uhr anzustehen.

Mit mir auf dieser Mission war Mike, ein Australier der zum Snowboarden nach Japan gekommen war und vor seiner Heimreise noch drei Tage in Tokyo verbringen wollte. Er ließ sich sofort von meinem Plan anstecken. Gemeinsam geteilt war das Warten erträglicher. Mit den Wartelisten-Nummern 169 und 170 wussten wir von Beginn an, dass wir uns nicht umsonst anstellten. Doch im Minutentakt und mit jeder U-Bahn stürmten mehr Hoffnungsvolle in die Schlange, denen diese Gewissheit jedoch zunehmend fehlte.



Um 8:05 Uhr hielten wir unsere Tickets in Händen. Zeit für Frühstück und neue Pläne. Die Junior-Kämpfe begannen zwar bereits um 9:30 Uhr, Mike hatte aber einen anderen wichtigen Punkt auf seiner Liste, den er unbedingt an diesem Tag abhaken wollte. Diesmal war ich sein Beiwagen.
Er hatte Tage zuvor in Kyoto ein Katzencafe besucht und schwärmte seither davon. Er meinte, der Besuch ließe sich nur durch einen Besuch in „Tokyo’s only Owl Cafe“ toppen. Eine halbe Stunde später fanden wir uns in der nächsten Warteschlange wieder. Zwei erwachsene Männer, die Sonntag Vormittag vor einem Eulencafe stehen und auf Einlass hoffen. Ein Anblick der so manchem Passanten verhaltenes Kichern entlockte.
Das Eulencafe öffnet am Sonntag um 12:00 Uhr. Jeweils im Stundentakt werden ca. 15 Personen rein gelassen. Da wir unsere Sumotickets teuer und mühevoll erstanden hatten, wollten wir uns hier nicht lange aufhalten und nur schnell „Hallo“ sagen.
Eulen sind cool. Soviel stand nach dem kurzen Besuch fest. Sumos allerdings auch. Als wir uns vorzeitig verabschiedeten und erzählten wohin wir eilten entschuldigte und bedankte man sich bei uns dafür, dass wir uns an diesem ehrwürdigen Tag entschieden ins Eulencafe zu kommen. Japan .. say no more.
Schnell mit der U-Bahn retour nach Ryōgoku und rein in die Arena. Unsere günstigen Tagessitze waren in der letzten Reihe, die Sicht auf den Ring aber trotzdem ganz passabel.
Zumindest konnten wir von hier aus das gesamte Spektakel gut verfolgen und dazu gehörten für uns auch die äußerst seltenen Gefühlsausbrüche der Japaner, vor allem die der weiblichen Sportsfreundinnen. Andächtiges Highlight zu Beginn war jedoch die Japanische Hymne.
Den Turniermodus zu erklären würde den hier von mir selbst auferlegten Rahmen sprengen. Belassen wir es dabei, dass die Eastern- gegen die Western-Division antrat und wir zunächst Vorkämpfe sahen. Wir waren ohnehin weniger am sportlichen als an dem für uns Nicht-Japaner auffallenden Exoten- und Skurrilitäts-Gehalt des Events interessiert. Dazu gehörte zB, dass nicht nur japanische Sumokämpfer, sondern auch Internationale Athleten teilnehmen, die zum Teil noch beliebter sind als die einheimischen.
Mindestens so wichtig wie der eigentliche Kampf ist das minutenlange Muskelspiel der Kolosse davor, das auch gerne von Sponsoren künstlich in die Länge gezogen wird indem Werbeflaggen rund um den Ring getragen werden.
Die vorprogrammierte Dramatik des letzten Kampf des Tages riss uns dann aber auch mit. Die beiden Yokozunas (höchstmöglicher Rang) der Eastern und Western Divisions traten gegeneinander an. Einer der beiden, Hakuho, war Sieger des vorjährigen Turniers und bis zu diesem Tag im diesjährigen Turnier ungeschlagen. Er ging als einziger mit einer Statistik von 14-0 in seinen 15. und letzten Kampf, was bereits einen Rekord bedeutete.
Hakuho gewann und Tokyo stand Kopf. Noch Tage danach – selbst in Kyoto – sollte ich dafür beneidet werden, dass ich am Sonntag live dabei war.
Erwähnenswert war auch die Preisverleihung. Die Sumo-Liga aber auch Sponsoren überreichten jeweils eigene Preise mit denen sie versuchten ihre Vorgänger zu übertrumpfen. Die Trophäen waren groß, wurden aber von Mal zu Mal noch größer. Dem Yokozuna angemessen eben.
Auch jedes teilnehmende Land – darunter Bulgarien, Ägypten und Frankreich – sendete seinen Botschafter um den Turniersieger zu beglückwünschen und zu ehren. Den Vogel schoss aber Frankreich ab ..


