Bienenstock, Bunker, Biotop

Die Leertaste an Wolfis Computer ist seit geraumer Zeit abgängig und niemand weiß genau weshalb. Er könnte sie verloren haben, aber genauso gut bei einem philippinischen Straßenmarkt gegen ein Weiterflugticket oder einen Goldzahn eingetauscht haben. Wahrscheinlich müssen wir aber noch tiefer gehen, um dieses Rätsel zu lösen. Wenn Reisen immer auch ein Reisen zu sich selbst ist, ein Balancieren an den Rändern der Zivilisation mit dem Ziel, zu sich selbst zu finden, ist die abtrünnige Leertaste möglicherweise das erste Bauernopfer dieser Unternehmung. Der Versuch loszulassen und den Ballast der digitalen und materiellen Welt Stück für Stück abzuwerfen. Irgendwo muss man ja anfangen… Und weil man niemandem eine leerzeichenlose Geschichte über Hongkong zumuten kann, übernehme ich (Marlene) an dieser Stelle.

Nach einem halben Jahr in Japan war die Ankunft in Hongkong für mich wie die Rückkehr nach einer Mondlandung. Es folgten sieben Nächte mit Wolfi und Mike auf sechseinhalb Quadratmetern.
IMG_4183993_edit

Auch wenn wir die jüngere Geschichte der einst britischen Kronkolonie beiseite lassen, damit ich ohne Umwege zu meinen ausschweifenden Schilderungen von Jenseitserfahrungen am Dim Sum Tisch und ekstatischen Nächten auf der Pferderennbahn schreiten kann, sei hier noch auf ein Kapitel der älteren Geschichte der Insel verwiesen. Hongkong war lange Zeit vor allem eines: eine Pirateninsel. Durchstreift man das unfassbar dichte Netz an Bürotürmen, Wohnsilos und Luxusshoppingmalls im Finanzzentrum „Central“, wird deutlich, dass sich daran nicht viel geändert hat. Obwohl die neuen Piraten eindeutig mehr Ferraris fahren…

IMG_4461991_edit
Trotzdem es sich um chinesisches Territorium handelt, hat Hongkong seinen Sonderstatus bis heute behalten. Neben der eigenen Währung garantiert dieser auch eine eigene Gesetzgebung. Sie verankert das viel besagte Bankgeheimnis, das man wohl als die Wurzel des Wachstums, aber auch des Größenwahns bezeichnen könnte. Dieses Gesetz sieht vor, dass Einkünfte nur dann besteuert werden, wenn sie unmittelbar in Hongkong entstanden sind. Alle anderen Erträge sind steuerfrei. Jeder der sein Vermögen in Hongkong anlegt, bezahlt dafür also keine Kapitalertragssteuer. Wer von euch eine Briefkastenfirma gründen möchte, ist hier in bester Gesellschaft. Angeblich unterhält so gut wie jedes an der Wall Street notierte Unternehmen eine solche Briefkastenfirma in der Stadt. Die sogenannte „freieste Ökonomie der Welt“ ist wie ein Lehrstück. Ein chinesischer Themenpark, der Globalisierung in all ihren Schattierungen ausstellt. Die Steuerflüchtlinge und ihre anzugtragende Horde an Gefolgsleuten, die Armee unterbezahlter Nannies aus dem asiatischen Ausland, die deren Nachwuchs bei Laune hält. All das fügt sich zu einem Gesamtbild, das vorführt, wie die große Welt funktioniert.

IMG_4114990_edit

IMG_4106989_edit
IMG_4096988_edit IMG_4079987_edit
Bienenstock, Bunker, Biotop. So viel zu unserer Unterkunft in einem Gästehaus in der sagenumwobenen Chungking Mansion. Genauso verwinkelt wie dieses aus vier gigantischen Blöcken bestehende Gebäude, in dem zeitgleich an die 4000 Menschen aus bis zu 120 Nationen auf engstem Raum zusammen leben, haben sich meine Erinnerungen gestaltet. Hinter jeder Tür, die sich öffnete, in jedem Stockwerk in dem der Aufzug hielt und nach jeder vermeintlichen Abkürzung, die wir nahmen, fanden wir neue Geschichten. Ein Anthropologe hat dieses komplexe Zusammenleben von Immigranten, illegal Arbeitenden, Händlern und Rucksacktouristen nach vierjähriger (!) Feldforschung als den wahrscheinlich globalisiertesten Ort der Welt bezeichnet. Tatsächlich hatten wir das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein.

Die zahllosen von Indern und Pakistanis betriebenen Shops und Restaurants prägen die unteren Stockwerke. Konsumieren dürfen allerdings nur sogenannte „Vereinsmitglieder“. Warum? Das kann wohl nur die lokale Lebensmittelpolizei beantworten. Uns verhalf dieser glückliche Umstand dazu, dass wir offiziell und auf Lebenszeit in den „Best Indian Delicious Food Club“ aufgenommen wurden. Papa philosophiert gerne über sein ausgeprägtes Vereinsleben. Wenn er früher so über die Verbundenheit und Sinnhaftigkeit einer solchen Gemeinschaft schwärmte, konnte ich nicht viel damit anfangen. Heute weiß ich, was er meint. Ich im „Best Indian Delicious Food Club“. Das kommt definitiv auf meinen Patenzettel!

IMG_1842_edit
Mit einer erweiterten Mitgliedschaft hätten sie uns neben dem besten Chai seit damals in Indien sicherlich auch sämtliche neue Organe und neue Identitäten direkt auf’s Zimmer geliefert. In Bezug auf die wirkenden wirtschaftlichen Kräfte, die auch als Globalisierung von unten („low end globalization“) bezeichnet werden, möchte ich nur darauf hinweisen, dass geschätzte 20 Prozent aller Mobiltelefone im sub-saharischen Afrika in der Mansion gehandelt wurden. So teilt man sich den Aufzug mit afrikanischen Mittelsmännern, mobilen Kühlvitrinen, Säcken mit rohem Fleisch oder koreanischen Shoppingtouristen. Ich bin fest davon überzeugt, dass irgendwo zwischen dem 11. und 15. Stock auch Nutztiere gehalten werden. Falls es noch nicht deutlich wurde, das ist eine absolute Empfehlung! Solltet ihr jemals nach Hongkong kommen – woanders schlafen gilt nicht! Die ausgesprochen erholsamen Nächte in unserem liebgewonnenen Dreibettzimmer tragen den Titel „Der Pakistani und das Sideboard“. Ohne zu viel zu verraten (ich könnte Bände über diese Figur schreiben) möchte ich nur gesagt haben, dass unser liebenswerter Gastgeber Sukhi, wie so viele in diesem Gewerbe wahrscheinlich als illegaler pakistanischer Arbeiter über ein Touristenvisum in der Stadt gelandet, auf einem Sideboard lebt, das in der Breite keine fünfzig Zentimeter misst und sicherlich auch weniger als eineinhalb Meter lang ist. Tag und Nacht. Ohne Übertreibung. Mir wird erst jetzt bewusst, dass wir ihn nie davon losgelöst gesehen haben. Er könnte angewachsen sein.

Meine ersten Erinnerungen an unsere Nachbarschaft im Stadtteil Kowloon haben mit einem Telefongespräch vor einem Schaufenster voller Immobillieninserate zu tun. Wolfi hatte plötzlich ein fremdes Handy am Ohr. Am anderen Ende fragte ein Immobilienmakler beharrlich nach unserem Investitionsbudget. Fragt mich nicht, wie es dazu kam. Auf den Versuch einen möglichst seriösen finanziellen Rahmen zu nennen, folgte das Piepen in der Leitung. Das war der dezente Hinweis darauf, dass wir in Hongkong längerfristig nichts verloren haben.

Wenig später landeten wir in der wahrscheinlich traurigsten Karaoke-Zeltstadt der Welt, wo vom Wirtschaftsboom vergessene alte Chinesen unter schummrig gewordenem Neonlicht (vielleicht) kommunistische Schlagerklassiker zum Besten gaben. Wir waren überall willkommen. Nebenan warteten dutzende Wahrsager, die mit der Ernsthaftigkeit von Versicherungsvertretern oder Bankangestellten in planenverhangenen Buden campieren, um ihren Kunden eine boomende Zukunft und wirtschaftlichen Erfolg aus der Hand zu lesen. Es scheint aber auch anders zu gehen. Ganz ohne Hände, in einer Art Ferndiagnose, wurde mir bei kompletter Dunkelheit im Vorbeigehen: “You beautiful, you future lucky!“ attestiert. Hongkong weiß die Welt um den Finger zu wickeln.

(Fortsetzung folgt)

Hinterlasse einen Kommentar